Sunday at the Village Vanguard: Bill Evans Trio (1961)

„Sunday at the Village Vanguard“ gilt als eine der besten Trioaufnahmen der Jazzgeschichte – aufgenommen an einem einzigen Sonntag im Juni 1961 im New Yorker Village Vanguard. Es ist zugleich ein Album mit einer tragischen Geschichte: Es dokumentiert den letzten gemeinsamen Auftritt des ersten Bill Evans Trios.

Sunday at the Village Vanguard

Einleitung

In diesem Beitrag geht es um die Entstehung von „Sunday at the Village Vanguard“ von Bill Evans, die Besetzung des Trios, die Trackliste der Original-LP, die Erklärung für die mehrfach vorhandenen Versionen einzelner Stücke auf späteren CD-Ausgaben, die tragische Geschichte um Bassist Scott LaFaro – und eine Einschätzung, warum dieses Album bis heute als Meilenstein des Piano-Trio-Jazz gilt.

Bevor ich auf die Aufnahmen selbst eingehe, noch eine kurze persönliche Anmerkung: „Sunday at the Village Vanguard“ wurde mir vor vielen Jahren von jemandem empfohlen, und ich habe mir damals als Erstes die CD-Ausgabe zugelegt. Schon beim ersten Durchhören hat mich gestört, dass einzelne Stücke direkt zweimal hintereinander liefen. Bonustitel finde ich grundsätzlich gut – aber eben nur, wenn sie am Ende angehängt werden, und nicht, wenn man ein und denselben Song gleich doppelt oder gar noch öfter hört, bevor das Album überhaupt einmal regulär durchgelaufen ist. Ehrlich gesagt habe ich bis heute nicht ganz verstanden, warum man sich bei dieser CD-Ausgabe für diese Reihenfolge entschieden hat.

CD-Ausgabe Sunday at the Village Vanguard

Entstehung: Ein Sonntag im Village Vanguard

Bill Evans hatte sich nach den Aufnahmen zu „Kind of Blue“ von Miles Davis 1959 in den Kopf gesetzt, mit einem eigenen Klaviertrio zu arbeiten, in dem alle drei Musiker gleichberechtigt agieren – nicht nur Begleiter am Bass und Schlagzeug, sondern echte musikalische Gesprächspartner. Er fand sie in dem jungen Bassisten Scott LaFaro und dem Schlagzeuger Paul Motian.

Im Februar 1961 entstand mit „Explorations“ eine erste Studioaufnahme dieses Trios. Den eigentlichen Höhepunkt erreichte die Band jedoch viereinhalb Monate später, am 25. Juni 1961, dem letzten Tag eines zweiwöchigen Engagements im Village Vanguard – einem kleinen, keilförmigen Kellerclub in der 7th Avenue, der bis heute für seine Live-Akustik bekannt ist.

Produzent Orrin Keepnews und Toningenieur Dave Jones bauten an diesem Sonntag eine tragbare Ampex-Bandmaschine direkt neben dem Bandstand auf, um sämtliche Sets mitzuschneiden. Sonntags spielte das Trio im Vanguard traditionell fünf komplette Sets – zwei Matinee-Sets am Nachmittag und drei Abend-Sets. Das Trio war zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Hauptact, sondern Vorgruppe der Gesangsformation Lambert, Hendricks & Ross.

CD und Inlay

Warum gibt es von einigen Stücken mehrere Versionen?

Genau hier liegt die Antwort auf die Frage, die sich sicher schon mancher CD-Besitzer gestellt hat: Konnte das überhaupt ein normales Konzert gewesen sein, wenn einzelne Stücke offenbar mehrfach aufgenommen wurden?

Die Antwort ist: Ja, es war ein völlig normales Konzert – nur eben fünf Sets an einem einzigen Tag. Ein Trio kann sein Repertoire nicht fünfmal komplett neu erfinden. Also wurden zwangsläufig einzelne Stücke über die Sets verteilt mehrfach gespielt, in manchen Fällen sogar dreimal. Keepnews hatte am Ende dieses Tages also von mehreren Stücken gleich zwei oder drei mitgeschnittene Versionen zur Auswahl.

Für die Original-LP „Sunday at the Village Vanguard“ wählte Keepnews aus jedem Stück die aus seiner Sicht beste Version aus – sechs Stücke, sechs Takes, fertig. Spätere CD-Ausgaben (insbesondere die Original-Jazz-Classics-Serie) wollten jedoch den Sammlern mehr bieten und fügten zusätzlich vier Alternate Takes ein – und zwar direkt hinter dem jeweiligen Original-Stück. Genau das führt zu dem oft als nervig empfundenen Hör-Effekt: Track 1 läuft, dann läuft Track 1 (Alternate Take) gleich noch einmal, dann erst geht es weiter. „Solar“ wurde an jenem Tag nur ein einziges Mal gespielt und hat deshalb keinen Alternate Take; der zweite Take von „My Man’s Gone Now“ gilt als verloren – deshalb tauchen nur vier der sechs Stücke doppelt auf.

Aus heutiger Hörerperspektive ist das verständlich, aber nicht unbedingt die schönste Lösung: Wer ein Album zum ersten Mal hört und einen Song zweimal direkt hintereinander vorgesetzt bekommt, hat ihn eher über, als wenn das Album erst einmal in Ruhe normal durchläuft. Wer alle Sets dieses Tages in der korrekten Reihenfolge hören möchte, greift besser zur dreifach-CD-Box „The Complete Village Vanguard Recordings, 1961, die 2005 erschien und sogar die Ansagen zwischen den Stücken enthält.

Die Besetzung: Bill Evans, Scott LaFaro, Paul Motian

  • Bill Evans – Piano
  • Scott LaFaro – Bass
  • Paul Motian – Schlagzeug

Scott LaFaro hatte sich in den knapp zwei Jahren an der Seite von Bill Evans enorm weiterentwickelt und spielte einen für seine Zeit ungewöhnlich melodischen, eigenständigen Bass-Stil – kein reines Begleitinstrument mehr, sondern eine gleichwertige Stimme im Trio. Genau diese Gleichrangigkeit der drei Musiker gilt bis heute als der entscheidende Beitrag dieses Albums zur Jazzgeschichte.

Vinyl Sunday at the Village Vanguard

Tracklist der Original-LP (Vinyl)

Seite A

  1. Gloria’s Step
  2. My Man’s Gone Now
  3. Solar

Seite B

  1. Alice in Wonderland
  2. All of You
  3. Jade Visions

Bemerkenswert: Evans und Keepnews wählten bewusst die beiden von LaFaro selbst komponierten Stücke „Gloria’s Step“ und „Jade Visions“, um Album und Trackliste zu öffnen und zu schließen – eine bewusste Hommage an den Bassisten.

Zur CD-Ausgabe mit Bonustracks

Meine eigene CD-Ausgabe von „Sunday at the Village Vanguard“ enthält genau dieses Muster: Track 1 (Gloria’s Step) läuft doppelt, Track 3 und 4 (My Man’s Gone Now, Solar) ganz normal, Track 5 (Alice in Wonderland) wieder doppelt – und so weiter, insgesamt zehn Tracks statt sechs. Ich finde diese Lösung, ehrlich gesagt, nicht ideal. Wenn ein Song direkt zweimal oder gar dreimal hintereinander läuft, hat man ihn beim ersten Durchlauf schneller über, als wenn das Album erst einmal regulär durchgespielt wird und die Alternativversionen erst am Ende folgen.

Rückseite CD-Ausgabe

Die LP-Ausgabe in meiner Sammlung

Genau aus diesem Grund habe ich mir das Album Jahre später noch einmal auf Vinyl zugelegt. Bei meiner LP-Ausgabe ist nur ein einziger Bonustitel enthalten – und der sitzt ganz am Ende, nach den sechs Original-Stücken. Genau so sollte es aus meiner Sicht sein: Das Album läuft erst einmal vollständig in seiner gewohnten Form durch, und wer mag, hört sich danach noch die Alternativversion an.

Rückseite Cover Vinyl-Ausgabe

Der Tod von Scott LaFaro – ein jähes Ende

Was diese Aufnahmen zusätzlich so bewegend macht: Es war der letzte Auftritt dieses Trios überhaupt. Nur zehn Tage später, in der Nacht zum 6. Juli 1961, verunglückte Scott LaFaro mit seinem Auto auf dem U.S. Highway 20 im Bundesstaat New York tödlich. Er wurde nur 25 Jahre alt.

Bill Evans war von dem Verlust so erschüttert, dass er sich für Monate komplett aus der Musikszene zurückzog. Paul Motian beschrieb es später so, dass in seinem Terminkalender über Wochen schlicht nichts mit Evans verzeichnet war. Erst gegen Ende des Jahres ließ sich Evans zu neuen Aufnahmen überreden – mit einem neuen Bassisten an seiner Seite.

Warum gilt „Sunday at the Village Vanguard“ als Meilenstein?

„Sunday at the Village Vanguard“ wurde 2011 in die Grammy Hall of Fame aufgenommen (Liste auf Englisch, „S“ durchsuchen) und gehört zu den Alben, die im Referenzwerk „1001 Albums You Must Hear Before You Die“ geführt werden. Die Bedeutung liegt weniger in technischer Virtuosität als in einer neuen Idee: einem Klaviertrio, in dem alle drei Musiker gleichberechtigt miteinander improvisieren, anstatt dass Bass und Schlagzeug nur begleiten. Diese Idee wurde zum Vorbild für nahezu jedes bedeutende Piano-Trio der folgenden Jahrzehnte – am bekanntesten vielleicht das Keith-Jarrett-Standards-Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette.

Lable

Häufige Fragen zu Sunday at the Village Vanguard

Wann wurde Sunday at the Village Vanguard aufgenommen?
Am Sonntag, dem 25. Juni 1961, live im Village Vanguard in New York, über fünf Sets verteilt.

Warum gibt es mehrere Versionen der gleichen Songs?
Weil das Trio an diesem Tag fünf komplette Sets spielte und dabei einzelne Stücke mehrfach durchspielte. Spätere CD-Ausgaben fügten einige dieser Alternate Takes als Bonustracks direkt hinter den Original-Stücken ein.

Wer spielte im Bill Evans Trio auf diesem Album?
Bill Evans (Piano), Scott LaFaro (Bass) und Paul Motian (Schlagzeug).

Was geschah mit Scott LaFaro?
Er starb zehn Tage nach diesen Aufnahmen, am 6. Juli 1961, im Alter von 25 Jahren bei einem Autounfall.

Fazit

„Sunday at the Village Vanguard“ ist mehr als nur ein weiteres Jazzalbum aus den frühen Sechzigern. Es ist das Dokument eines einzigen Tages, an dem ein Trio musikalisch seinen Zenit erreichte – kurz bevor es für immer endete. Genau diese Mischung aus musikalischer Perfektion und tragischer Vorgeschichte macht das Album bis heute so besonders.

Sunday at the Village Vanguard von Bill Evans gibt es unter anderem bei:

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Sunday at the Village Vanguard“ von Bill Evans ist Teil der Reihe Die 50 besten Jazzalben aller Zeiten – einer Auswahl von Alben, die sich in meiner eigenen Sammlung befinden und hier nach und nach vorgestellt werden. Bisher in dieser Reihe erschienen: